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Erfahrungsberichte

Wenn Kinder begleitet werden müssen

Auch sehr junge Erwachsene haben wir schon in unserem stationären Hospiz begleitet. Mit Martin (Name geändert) haben wir 2016 aber zum ersten Mal ein Kind begleitet, das im Hospiz mit seinem eigenen nahen Sterben konfrontiert wurde. Martin wusste, wie es um ihn stand: „Du weißt genau, warum ich hier bin, weil ich sterben muss!“ brach es einen Morgen aus dem Fünfzehnjährigen heraus, als seine Mutter ihn aufmuntern wollte. Martin litt an einer lebensverkürzenden, erblich bedingten Krankheit, die man im Alter von vier Jahren bei ihm diagnostiziert hatte. Die erschütternde Prognose damals: eine Lebenserwartung von kaum mehr als 25 Jahren. Die Familie brauchte lange damit fertigzuwerden, dass ihr jüngstes Kind, kaum erwachsen, keine Lebensperspektive für die Zukunft haben würde.

Umso schwerer traf es sie, als ihr kurz vor den Sommerferien in der Medizinischen Hochschule Hannover mitgeteilt wurde, dass der Junge nur noch wenige Wochen zu leben habe. Martin, der im Landkreis zuhause war, wollte nicht ins ferne Kinderhospiz bei Bremen, er wollte unbedingt in der Nähe seiner Familie und Freunde bleiben. So entschied man sich für das Hospiz-Haus Celle. Seine Mutter blieb bei ihm und bezog eines der Angehörigenzimmer im Hospiz.

Die Begleitung eines so jungen Menschen war eine Herausforderung für das Hospizteam. Einige der Mitarbeiter hatten selbst Kinder in Martins Alter. Immer wieder wurde überlegt, wie man ihm eine Freude machen konnte. Wie man ein wenig Licht in seinen Alltag bringen konnte. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen brachten dem tierlieben Jungen ihren Hund mit ans Krankenbett. Er bekam Besuch von seinem Lehrer und seinen Freunden, die für ein wenig Ablenkung sorgten. Doch Martin litt zunehmend unter Schmerzen und Atemnot, die sommerlichen Temperaturen setzten ihm dabei zusätzlich zu. Immer wieder kam es zu Krisen, die von den Ärzten und vom Pflegeteam aufgefangen werden mussten. Hier bewährte sich das gute Team des Hospiz-Hauses: es bedurfte nicht vieler Worte, jeder wusste um die Notwendigkeiten, die die Situation erforderte. Die Wochen mit Martin waren von besonderer Achtsamkeit geprägt. Kurz nach den Sommerferien ist Martin im Hospiz-Haus gestorben. Er war nicht bei Facebook, man findet ihn auch sonst nicht im Netz. Aber er ist für immer fest verankert im kollektiven Gedächtnis unseres Hospizes.

Das Sterben von Moritz in Würde

Die Cellesche Zeitung voröffentliche am 24.12.2012 einen Artikel über die letzten Tage des jungen Moritz Dellemann im Hospiz-Haus Celle. Auf gleicher Seite finden Sie ein Interview mit Marlies Wegner, der geschäftsführenden Leiterin unseres Hauses. Lesen Sie hier die Originalartikel.

Erfahrungsbericht von Klaus Dettmayer

Die Diagnose „Krebs“ ist für jede Familie ein erschütterndes und einschneidendes Ereignis. Vor einigen Jahren, kurz vor Weihnachten, traf es uns, als bei meiner Mutter, Charlotte Dietmayer, Magenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde. Ein Operationsversuch scheiterte aufgrund der bereits ausgeprägten Metastasen. Es blieb nur eine palliative Chemotherapie, die am AKH-Celle ambulant durch Herrn Dr. Hollerbach sehr umsichtig durchgeführt wurde, mit der Hoffnung auf Stabilisierung des Krankheitsbildes oder, wenn ein Wunder geschieht, sogar auf Rückgang. Unter dieser Chemotherapie war es meiner Mutter möglich, noch über ein halbes Jahr weitgehend selbständig zu leben, wobei sie eine liebevolle Betreuung und Unterstützung durch Freunde, Nachbarn und Angehörige erfuhr.

Im folgenden Sommer verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter dann plötzlich bei einem ambulanten Chemotherapietermin dramatisch und die Chemotherapie musste abgesetzt werden. Intensivmedizin bewahrte sie damals vor dem sicheren Tod durch Nierenversagen. Meine Mutter lebte seit dem Tod meines Vaters im Jahr 1989 und somit auch während der Krankheit alleine in einem Einfamilienhaus in Celle. Unsere Familie ist weit verstreut über Deutschland – ich, als ihr einziger Sohn, lebe beispielsweise mit meiner Familie in Ulm – so dass eine jetzt notwendige kontinuierliche Betreuung durch die Familie nicht möglich war. Da sich eine direkte Rückkehr ins eigene Haus nach dem Krankenhausaufenthalt verbot, suchte ich nach Pflegemöglichkeiten in Celle, zunächst mit dem Ziel einer Kurzzeitpflege. Hierbei besuchte ich auch das gerade neu eröffnete Hospiz-Haus in Celle und war von der Idee, den pflegerischen Möglichkeiten und letztendlich auch von der Atmosphäre im Haus sehr angetan.

Überzeugend waren die Freiheiten, die jedem „Gast“, wie die Patienten hier heißen, im Rahmen seiner Möglichkeiten eingeräumt werden. Auch eine Rückkehr nach Hause wäre kein Problem, sollte sich meine Mutter wieder erholen. Dies überzeugte sie dann letztendlich auch, diesen Schritt jetzt schon zu gehen, da wir das Hospiz-Haus immer als letzte Möglichkeit angesehen haben. Als „Gast“ des Hospiz-Hauses Celle bezog meine Mutter ein sehr gut ausgestattetes Einzelzimmer. Sie wurde sehr herzlich aufgenommen und ich erinnere mich noch sehr gut an die gemeinsamen Abendessen mit den Krankenschwestern und Pflegern am großen Esstisch, zu dem auch ich wie selbstverständlich eingeladen wurde. Die Küche stand Gästen aber auch Angehörigen offen, jeder Gast konnte sich nach seinen Kräften einbringen. So hat meine Mutter damals beispielsweise noch für alle Birnenkompott gekocht – die Jugend kann das ja nicht mehr ….

Das Leben war wirklich wie in einer großen Familie, was die Eingewöhnung für meine Mutter erleichterte – aber natürlich war es eine Umstellung. Ich pendelte damals zwischen Ulm und Celle so häufig es beruflich ging und fühlte mich auch schon fast heimisch in der Glockenheide 79. Gleiches empfanden Freundinnen und Verwandte, die meine Mutter jederzeit unangemeldet besuchen konnten.

In dieser Zeit dachte ich tatsächlich, meine Mutter schafft es noch einmal nach Hause, so gut erholte sie sich von dem letzten Krankenhausaufenthalt. Sie hat ihr Haus jedoch nicht mehr betreten, nicht, weil sie es nicht physisch gekonnt hätte: Sie wusste, wieder Abschied zu nehmen, würde ihr einfach zu schwer fallen. Vielleicht spürte sie auch, dass ihre Zeit doch in Wahrheit deutlich begrenzt war. Der Tod wurde im Hospiz-Haus nicht ausgeklammert – man sprach offen darüber – aber er stand nicht im Mittelpunkt. Es wurde viel erzählt und auch gelacht. Die Atmosphäre war ja das, was mich so begeistert hatte bei meinem ersten Besuch.

Ganz plötzlich verschlechterte sich dann der Zustand meiner Mutter Anfang August wiederum und sie war fortan ans Bett gefesselt. Alleine war sie nie, auch wenn gerade einmal kein Besuch da sein konnte. Die Krankenschwestern und Pfleger fanden immer die Zeit, sich mit ans Bett zu setzen. Gegen die Schmerzen erhielt sie eine exzellent dosierte Schmerztherapie, so dass sie zu keiner Tages- und Nachtzeit leiden musste. In ihren letzten Tagen verbrachte ich viele Tage und lange Abende im Hospiz-Haus. Ich habe dort in den Gesprächen sehr interessante einfühlsame Menschen kennen gelernt, die auch mich in dieser schweren Zeit immer wieder aufbauten und unterstützten; ich fühlte mich integriert und dazugehörig. Am 20. August verstarb dann meine Mutter in Anwesenheit ihrer engsten Verwandten. Es war ein Abschied in Würde und Andacht.

Trotz der schweren Zeit verbinde ich viele gute Erinnerungen mit dem Hospiz-Haus in Celle. Meine Mutter hat dort eine liebevolle Betreuung und Pflege erfahren, wie wir sie ihr aufgrund unserer Familiensituation im eigenen Haus ambulant nie hätten bieten können. Sie hatte zudem die Zeit, sich einzuleben und Vertrauen sowie Kontakte zu Krankenschwestern und Pflegern aufzubauen, etwas, was meiner Ansicht nach essentiell ist, um sich geborgen zu fühlen. Rechtzeitig den Entschluss zu fassen, ins Hospiz zu gehen, ist daher vielleicht schwer aber letztendlich besser, als dort nur die allerletzten Tage zu verbringen. Ich würde in einer ähnlichen Situation meinen letzten Weg auch so gehen.

Klaus Dietmayer

Gerd war 94 Tage im Hospiz

Gerds Lebensweg erschien uns in den letzten Jahren steinig, von Gestrüpp überwuchert und meist als Weg kaum erkennbar. Wir mochten ihm darauf nicht immer folgen und so hatten wir nur noch sporadisch Kontakt.

Hier im Hospiz-Haus konnten wir uns nach langer Zeit wieder richtig begegnen, die Zeit miteinander verbringen und unsere ursprüngliche Verbundenheit und Liebe zueinander wieder entdecken.

Wir danken allen, die dieses Haus ausmachen, für ihre liebevolle Betreuung und Begleitung. Sie haben uns als Familie getröstet, gestärkt und geholfen. Wir möchten diese Zeit nicht missen – dieses Haus wird uns allen in dankbarer Erinnerung bleiben.

Im Namen der Familie Schmidt

Am Schluss fühlte sich alles richtig an

Es ist ein guter alter Brauch, ein liebgewonnenes Ritual, am Ende eines Jahres zurückzublicken auf das, was war, einmal ganz still zu werden, um noch einmal all die Bilder heraufzubeschwören, die bleiben und für alle Zeit im Herzen festgeschrieben sind.

Blitzlichtartig tauchen sie auf, die Momente der Zufriedenheit, des Erfolges, der Heiterkeit, des Glücks, der Inspiration, aber auch die Momente der Wut, des Versagens, der Furcht und der Trauer.

Wenn ich mich künftig an 2018 erinnere, dann auch an das Jahr, in dem meine Freundin Angela gestorben ist.

Mitte 50 war sie, als die seltene, todbringende Krankheit diagnostiziert wurde und Stück für Stück von ihr Besitz ergriff. Eine Chance auf Heilung gab es von Anfang an nicht, kein Entrinnen, keine Gnade, kein Aufhalten, kein Erbarmen. Familie und Freunde waren fassungslos und geschockt, die fortschreitende Verschlechterung erschütterte und beschädigte alle, die Gela lieb hatten.

Die letzten Wochen ihres Lebens verbrachte meine Freundin im Hospiz-Haus Celle. Gut behütet und liebevoll umsorgt von großartigen Krankenschwestern, Pfleger Timo und den lieben ehrenamtlichen Helferinnen. Ich war häufig dort, niemals angemeldet, aber immer willkommen.

Es war ein Geschenk, dass Angela in der Glockenheide als „Gast“ aufgenommen werden konnte. Von morgens bis abends drehte sich alles darum, ihr etwas Gutes zu tun, Last von ihr zu nehmen, sie in jeder Hinsicht bestmöglich zu versorgen, ihr würdig zu begegnen, Schmerzen zu lindern und – ganz wichtig – sie zum Schmunzeln oder gar zum Lachen zu bringen.

Familienangehörige und gute Freunde kamen fast jeden Tag, um Zeit mit Gela zu verbringen, sie zu berühren, mit ihr zu sprechen und zu schweigen, gemeinsam Musik zu hören, Essen anzureichen, einfach da zu sein, um sie auf ihrem Weg zu begleiten, ihre verbleibende Zeit reich zu füllen mit Wärme und Liebe.

Das Hospiz-Haus Celle kenne ich seit Jahren, es ist für mich immer ein Ort gelebter Nächstenliebe, des achtsamen, liebevollen Umgangs mit schwerkranken und sterbenden Menschen gewesen. Den Kern dessen, welcher Geist in der Einrichtung weht, habe ich aber erst in den Wochen erfahren, in denen meine Freundin dort gelebt hat.

Ich werde nichts von all dem vergessen … das Miteinander am großen Tisch im wohnlichen Raum, die gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten, das befreiende Lachen in schönen Momenten, das pralle Leben – auch in der spürbaren Nähe des Todes -, der Raum für Tränen, Verzweiflung und Trauer, die tiefen Gespräche mit fremden Menschen, das intensive Abschied-Nehmen-Können.

Es bleiben Bilder in meinem Kopf. Ich sehe die Tochter meiner Freundin, hochschwanger und ganz nah an ihre Mutter gekuschelt im Bett liegend, die dreijährige Enkelin, die ohne Berührungsängste am Bettgestell herumturnt, um ihrer „Amo“ einen Kuss zu geben, den Schwiegersohn, der im Wintergarten mit dem Kind Lego baut, ich sehe Timo, der Angela immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, Schwester Eweline, die auf meine Freundin aufpasst und immer weiß, was gut für sie ist und all ihre Kolleginnen, die jede auf ihre Weise ein Licht anzündet, wo Dunkelheit droht.

Und dann – am Ende – wird alles still. In einer Nacht im Oktober begibt sich Gela auf ihre Reise. Ganz leise. Ganz ruhig. Ihre Hand in der Hand der geliebten Tochter, die das neue Leben eine Woche später 1000 Kilometer entfernt zur Welt bringen wird.

Am Schluss fühlte sich – bei allem Schmerz und aller Traurigkeit – alles richtig an. Und das ist eine gute Gewissheit. Danke für alles!

Kerstin S.

Ansprechpartnerin:
Marlies Wegner
Geschäftsführung und Hospizleitung

Grenzen wahrnehmen und zulassen

Wenn Sie als Angehöriger zu Hause mit der Betreuung an Ihre Grenzen kommen oder Sie als Betroffener in der häuslichen Umgebung nicht genügend Raum zum Loslassen und Abschiednehmen finden, sind wir als Team im Hospiz Celle für Sie da.

Telefon 05141 70 92 90

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